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Slawen und Keramik

Die keramische Gefäße sind die bei weitem meist genutzten und am weitesten verbreiteten archäologischen Artefakte. Sie stellen die materiellen Zeugen des Handwerks, des Handels und des kulturellen Austauschs zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen aus Mittel-, Ost- und Nordeuropa im frühen Mittelalter dar. Als solche werden sie als zeitliche sowie kulturelle Indikatoren dieser Regionen genutzt. Außerdem ist diese Keramik in ihrer Verbreitung sowohl geographisch als auch zeitlich weit gestreut.
Archäologen haben in der Vergangenheit  die Keramik als handwerkliche Produkte verschiedener ethnischer Gruppen angesehen, doch diese Forschungsbemühungen konnten nicht in Überregionale bzw. Supraregionale Forschungsprojekte eingebunden werden, da es logistische Probleme bei der Beschaffung von Keramiksammlungen aus den verschiedenen Untersuchungsgebieten gab. Die Keramik, welche über halb Europa verbreitet ist und vor allem das Untersuchungsgebiet der Germania-Slavica kennzeichnet, ist nur durch wenige, lokal begrenzte und isolierte Klassifikationen bestimmt. Diese Verbreitung stimmt -zeitlich sowie räumlich- im Allgemeinen mit dem Gebiet überein, das im frühen Mittelalter einer ethnischen-kulturellen Bevölkerungsgruppe bewohnt war, welche der slawischen Sprachfamilie zuzuordnen ist.

'Die Slawen' war anfänglich ein allgemeiner Begriff, der von den Byzantiner sowie Spätromanen benutzt wurde, um die bis dahin unbekannten barbarischen Horden zu beschreiben, die ihre zivilisierte Welt bedrohten. Erst als sie sich auf dem Boden des Ost- sowie Weströmischen Reiches niederließen, wurden sie konkreter beschrieben. Vom 6. Jh. n. Chr. an beschreiben späte römische bzw. frühe byzantinische Quellen diese neuen „barbarischen Siedler“ detaillierter und bezeichnen sie als Sclaveni, Venethi und Antes. Aus diesen drei Ethnonymen bildet der griechische Begriff Sclavenoi, welcher in lateinischen Quellen mit Sclaveni übersetzt wurde, die linguistische Basis für das moderne Wort „Slawen“.   

Der Begriff 'slawisch' wurde für Keramik angewandt die zeitliche sowie räumliche Überlappungen aufwiesen, im slawisch sprechenden Raum verbreitet und durch ausgeprägte Gemeinsamkeiten in der Herstellung verbunden waren. Als erstes erkannt wurde die Einzigartigkeit einer keramischen Gruppe im frühen 19. Jh. von G.C. F. Lisch sowie R. Virchow. Entdeckt wurde diese Gruppe bei Ausgrabungen in frühmittelalterlichen Burgwällen, offenen Siedlungsinseln und Gräberfeldern. Diese beiden Forscher waren es auch, die zum ersten Mal einen eigenen Begriff für diese Art der Keramik entwickelten: Sie nannten diese Gruppe Burgwallkeramik.  Die Homogenität in Stil, Verzierung und Gestalt erlaubte es A. Götze (1901) und vor allem C. Schuchhardt (1919), die Funde zeitlich zu kategorisieren. Schuchhardt entwickelte auch die erste Theorie, welche diese keramische Gruppe direkt in Verbindung mit den Slawen setzte, die zur Zeit der Entstehung der Keramik weite Teile Mittel- und Osteuropas beherrschten (er klassifizierte früh-, mittel- und spätslawische Keramik um sie zeitlich einzuordnen).

Die enorme Fundhäufigkeit von undekorierter Keramik im Raum Prag, veranlasste E. Simek dazu diese Töpferwaren Veleslavin-Typ zu nennen, dieser Name wurde allerdings durch I. Borkovsky (1940) in den noch heute geläufigen Namen Prager Typ I  geändert. Dieser Begriff wird benutzt, um den frühesten Typ von Keramik zu bezeichnen, der in direkter Verbindung mit der ethnischen Gruppe der Slawen steht. Spätere archäologische Untersuchungen fügten weitere Termini für den frühsten- undekorierten Keramiktyp hinzu, (diese waren oft an Kulturen in der Archäologie gebunden) wie z.B. der Korchak-Penkova-Kolochin-Typ in der Ukraine, der Ipotesti-Candesti-Curiel-Typ in Rumänien, Dziedzice in Polen, Prag in der Tschechischen Republik und der Slowakei, und der Sukower Typ in Deutschland, welche alle ähnliche Keramik bezeichnen, wenn sie auch nicht ganz genau mit dem Prager Typ von Borkovsky übereinstimmen. Für das baltische Gebiet, wo es Keramik dieses Typs reichlich seit der Vendel-Periode (500-780 n.Chr.) gibt, ersetzten H. Jahnkuhn, C. Wilde und später W. Hübener (1959) den älteren Begriff der „slawischen oder wendischen“ Keramik durch den ethnisch neutralen Begriff der „baltischen Ware“. Nach K. Godlowskis eigener chronologischen Wertung, können slawische Siedlungen im archäologischem Sinne als slawisch identifiziert werden, wenn sie folgende drei Merkmale aufweisen können:

  1. einen besonderen Stil in der Art des Hausbaus ( ovaler/rechteckiger Grundriss mit einem Ofen/Herd in der Ecke)
  2. Friedhöfe überhäuft mit einfachen Brandbestattungsgräbern
  3. keramische Ansammlungen des Korchak-Penkovka-Kolochin, Ipotesti-Candesti-Ciurel, Prager, Dziedzice und Sukower Typs in Verbindung mit der frühen Bevölkerung der Siedlung

Die Keramik dient also als ein Hauptkriterium der historischen Identifizierung der Slawen, so scheint es im archäologischen Rahmen auch sehr sinnvoll und korrekt solche Ansammlung von Keramik mit dem Wort „slawisch“ zu bezeichnen. Dennoch, trotz der stilistischen Gemeinsamkeit dieser keramischen Artefakte, kann die Archäologie von Heute noch immer nicht befriedigend die Frage nach stilistischen Neuerungen, Technologietransfer in der Herstellung sowie der Nachahmung der slawischen Keramik durch andere ethnische Gruppen beantworten. Deshalb ist es die wichtigste Aufgabe des CTDL ein Rahmen zur Erfassung, zum Vergleich und zur Strukturierung dieser riesigen Sammlung zu bieten, um dieses Archiv dann in folgenden Bereichen maßgeblich zu nutzen: 1) Definition der räumlichen und zeitlichen Ausdehnung der verschiedenen Keramiken über Mittel-, Ost- und Nordeuropa; 2) Nutzung der Informationen über Typen von Keramik für lokale Forschungsprojekte; 3) Charakterisierung und Vergleich der Herstellung von Keramik in slawischen bzw. nichtslawischen Siedlungsgebieten; 4) Untersuchung über die Zusammenhänge zwischen dem Typ der Keramik, des Siedlungstyps und der ethnischen Zusammensetzung des Untersuchungsgebietes; 5) Verschmelzung all dieser Informationen um von der Verbreitung der Keramik auf soziale und politische Netzwerk im mittelalterlichen Europa zu schließen. 

October 23, 2007

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